«Siehe, wie gut und wie schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen.»— Psalm 133,1
In diesen Tagen kommen unsere jüdischen Schwestern und Brüder in Deutschland zusammen, um der Opfer des Holocaust zu gedenken. Dieses Gedenken ist jedoch keineswegs lediglich eine ethnische oder religiöse Pflicht, sondern eine allgemeine und zutiefst menschliche Verantwortung. Denn diese historische Katastrophe, die zur Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen führte, ist nicht nur die Tragödie eines Volkes oder einer Religion, sondern eine tiefe Wunde im gemeinsamen Gewissen der Menschheit und ein offenkundiges Beispiel für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
In den heiligen Schriften des Judentums und des Islam wird übereinstimmend die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens als grundlegendes Prinzip hervorgehoben, bis hin zu der Aussage:
Wenn jemand einem Menschen das Leben rettet, so ist es, als habe er die ganze Welt gerettet.
Die Erinnerung an den Holocaust bietet allen Menschen – insbesondere den Anhängerinnen und Anhängern der göttlichen Religionen – eine Gelegenheit zur gemeinsamen Reflexion über die moralische Verantwortung des Menschen gegenüber dem Leben, der Würde und dem Leiden des anderen. Der Holocaust hat in aller Deutlichkeit gezeigt, wie die Missachtung des fundamentalen Prinzips der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens und der Menschenwürde sowie dessen Ersetzung durch Hass, Diskriminierung und Entmenschlichung zu struktureller Gewalt und kollektiven Verbrechen führen können – Verbrechen, die letztlich nicht nur die unmittelbaren Opfer, sondern die gesamte Menschheit betreffen.
In diesem Sinne kann das Gedenken an den Holocaust über die Bewahrung der historischen Erinnerung hinaus zu einer ethischen und praktischen Verpflichtung werden: zum entschlossenen Eintreten gegen Hasspropaganda, zur Zurückweisung jeglicher ethnischen und religiösen Diskriminierung und zur Stärkung von Empathie und friedlichem, brüderlichem Zusammenleben.
In der heutigen Welt stehen unsere Gesellschaften trotz ihrer historischen, kulturellen und religiösen Unterschiede vor gemeinsamen Herausforderungen: extremistische Auslegungen religiöser Lehren, die Ausbreitung ideologischer Verengungen, zunehmende Missverständnisse, gesellschaftliche Polarisierung und die Schwächung ethischer Dialoge. Diese Entwicklungen können zur Entstehung organisierten Hasses und zu einer abnehmenden Sensibilität gegenüber dem Leiden anderer Menschen führen.
Unter solchen Bedingungen gewinnt das Gedenken an die Opfer des Holocaust eine besondere Bedeutung. Es kann einen ethischen Raum für die Vertiefung des interreligiösen Dialogs eröffnen – einen Dialog, der auf der Würde des Menschen, gegenseitigem Respekt, dem Verstehen des Leidens des anderen und der Rückbesinnung auf jene gemeinsamen menschlichen Werte beruht, auf denen alle göttlichen Religionen gründen. Ein solcher Weg kann dazu beitragen, der Wiederholung oder Neuauflage vergleichbarer Katastrophen vorzubeugen.
Und mit Recht sollte jene mahnende Aussage des großen Schriftstellers und Holocaust-Überlebenden Primo Levi stets in Erinnerung bleiben:
«Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen.»
— Primo Levi
Vorsitzender des Instituts für rational-islamische Rechtsfindung und Friedenstheologie (IFRIR)