Im Heiligen Qur'an werden für Krieg und Gewalt verschiedene Begriffe gebraucht. Die wichtigsten qur'ani-schen Ausdrücke sind in diesem Zusammenhang „harb", d. h. Krieg (حَرْب), „qitÁl" d. h. Töten (قتال), „safku-d-dam" d. h. „Blutvergießen (سَفْكُ الدَّم)und letztlich „Cihad", d. h. Anstrengung (جهاد). Diese vier Begriffe haben keine identische Bedeutung, d. h. man kann sie nicht als „Krieg" oder „Gewalt" verstehen, sondern sie haben einen jeweils spezifischen Sinn.
Von diesen vier Begriffen können allein „harb" als „Krieg" und „qitÁl" als „Gewalttat" übersetzt werden, d. h. sie implizie-ren ein gewalttätiges Vorgehen, und das kann sowohl im Sinne eines Aktes der Verteidigung wie auch der Vergeltung sein. In diesem Sinne trachten diejenigen, die angreifen, nach dem Leben anderer. Dies macht deutlich, dass die qur'anische Ver-wendung dieses Begriffes eher allgemeiner Natur ist. Der Ausdruck „safku-d-dam" bedeutet „Blutvergießen", und seine Verwendung wird ebenfalls im Qur'an erklärt.
Von diesen erwähnten vier Begriffen hat das Wort „Cihad" eine besondere Bedeutung, denn aus qur'anischer Sicht hat er eine vollkommen positive und wertvolle Geltung und bezieht sich auf das Handeln der Gläubigen. Die Erläuterung dieses Begriffes aus der S icht des Qur'an bedarf besonderer Aufmerksamkeit. Einige westliche Geisteswissenschaftler, die im Bereich des Islam und des Qur'an geforscht haben, erklärten den Begriff „Cihad" als „heiliger Krieg". Bei ihrer Übersetzung und Verwendung dieses Begriffes sind sie von der auf Augustinus, den großen christlichen Theologen des Mittelalters, zurückgehenden Theorie des gerechten Krieges ausgegangen. Diese Erklärung impliziert einen Aspekt, der nicht per se negativ ist, sondern unter besonderen Umständen als höchstes Gut oder sogar als heilig anzusehen ist. Wenn wir diesen Punkt beachten, dass der Grundsatz der Religion der Glaube an heilige Begriffe ist, gelangen wir unversehens zu dem klaren Ergebnis, dass diejenigen, die „Cihad" mit der Bezeichnung „heiliger Krieg" übersetzt haben, zu erklären versuchten, „Krieg" sei ein wesentlicher Bestandteil des islamischen Glaubens, wobei sie Krieg in diesem Kontext so verstanden haben, dass für einen Muslim, der an Gott, den Propheten Muhammad (s.a.s.), den Qur'an, die Auferstehung und das göttliche Gesetz glaubt, diese Dinge heilig sind, und in diesem Sinne ihm auch der Krieg als religiöse Pflicht heilig ist. Das sind die Argumentation und das Urteil, das viele Islamwissenschaftler im Westen während der letzten Jahrhunderte verbreitet haben, und manche von ihnen sind auch nicht davor zurückgeschreckt, den Islam zur „Religion des Schwertes" zu erklären. Würden wir diese Theorie annehmen, dann würden wir zugleich akzeptieren, dass „Krieg" im islamischen Kontext als eine dauerhafte Strategie für die Beständigkeit und Verbreitung des Islam, wie auch die Unterwerfung der Nichtmuslime, angewendet wird. In diesem Sinne wäre der Krieg zur Durchsetzung religiöser Ziele eine grundsätzliche Regel, die dann zur Besonderheit wird, wenn die notwendigen Möglichkeiten und die Macht nicht gegeben sind.
Inwieweit ist ein solches Urteil mit der Wahrheit des Islam vereinbar? Erklärt der Islam den Krieg wirklich als „heilig"? Und ist die Übersetzung „heiliger Krieg" für den Begriff „Cihad" tatsächlich zutreffend?
Damit wir bei der Beantwortung dieser Fragen nicht den gleichen Fehler machen wie die anderen, versuchen wir die Antwort völlig unvoreingenommen direkt dem Qur'an zu entnehmen. Um die qur'anischen Verse in diesem Zusammenhang besser zu verstehen, sollen wir auf die Gewichtung des Qur'ans selbst achten. Der Qur'an sagt mit aller Deutlichkeit, dass nicht nur einige wenige Verse beachtet und gleichzeitig die anderen Verse außer Acht gelassen werden dürfen, sondern dass man den Qur'an in seiner Gesamtheit, die viele Teile bzw. Verse umfasst, berücksichtigen muss. Gleichfalls betont der Qur'an selbst, dass einige Verse aufgrund von Besonderheiten möglicherweise falsch verstanden und interpretiert werden können; diese Verse könnten dadurch dem wesentlichen Ziel Gottes zuwiderlaufen und ein Mittel für Falschheit und Unruhe werden. Um diese Gefahr zu beseitigen, legt der Qur'an ebenfalls fest, dass einige Verse mittels anderer, eindeutiger und klarer Verse verstanden werden müssen und dass für eine genaue Kenntnis vom Qur'an der gesamte Qur'an Berücksichtigung finden muss. Wenn wir diesen Maßstab bedenken, stellen wir fest, dass bestimmte Argumentationen und Behauptungen sehr weit von der Wahrheit des Qur'an entfernt sind, weil sie diesen Prozess nicht durchlaufen haben.
Das Thema „Krieg und Frieden" ist ein Thema, das in einem größeren Maße als andere Themen ein solches Schicksal erlitten hat, d. h. ohne Berücksichtigung des vom Qur'an geforderten Interpretationsprozesses wurde geforscht und geurteilt. Deshalb brauchen wir eine neue Untersuchung, wenn wir zur qur'anischen Wahrheit gelangen und diese herauskristallisieren wollen. Eine Untersuchung des gesamten Quran und eine vergleichende Berücksichtung aller Verse, die im Zusammenhang mit „Krieg" stehen, machen zweifelsfrei deutlich, dass es einen „heiligen Krieg" im Qur'an nicht gibt und dass darüber hinaus Krieg und gewalttätige Auseinandersetzung ungeachtet des damit verfolgten Zieles aus qur'anischer Sicht als hässlichste und schlechteste Phänomene gelten, und ein Krieg, der mit religiösen Absichten verbunden wird, ist noch weitaus hässlicher. Aus der Sicht des heiligen Qur'an ist Krieg weder als Grundsatz akzeptabel, noch als Ausnahme, d. h. Krieg ist auch in Ausnahmefällen und vermeintlichen Notwendigkeiten niemals zu rechtfertigen.