Rechtsfindung Ijtihad

Islamische Rechtsschulen Und Erkenntnislehre

Die Interpretation von Schrift und Sunna

30. März 2020
Islam
Ca. 15 Min. Lesezeit
Ayatollah Seyed Abbas Hosseini Ghaemmaghami

Verfasst von:

Vorsitzender: Ayatollah Seyed Abbas Hosseini Ghaemmaghami

Vorsitzender des Instituts für rational-islamische Rechtfindung und Friedenstheologie (IFRIR)

Einleitung

Zunächst muss man wissen, dass es ungeachtet der Existenz unterschiedlicher islamischer Rechtsschulen, im Hinblick auf ihre grundlegenden islamischen Prinzipien und muslimischen Maßstäbe (d. h. Muslim zu sein) zwischen diesen Rechtsschulen nicht die geringsten Unterschiede gibt.

Jede Religion setzt sich aus einer Menge von Glaubensinhalten und heiligen Begriffen, besonderen religiösen Zeremonien und Anbetungen zusammen, und neben den Überzeugungen und Anbetungen gibt es in der Regel einen besonderen heiligen Ort, in dem Gottesdienste stattfinden.

Die größten Gemeinsamkeiten der islamischen Rechtsschulen

Der Islam besteht wie die anderen Religionen aus dem Glauben, der die Hauptsubstanz der islamischen Theologie ausmacht. Der Glaube an die Einzigkeit Gottes, an Seinen Propheten Muhammad (s.a.s.) und den Qur'an, das Wort Gottes, das Muhammad offenbart wurde, und der Glaube an den Tag der Auferstehung und das Jenseits sind die Hauptprinzipien der islamischen Theologie.

Jeder, der an diese Prinzipien glaubt, ist ein „Muslim", ohne dass es einer weiteren Voraussetzung bedarf. Die genannten Grundlagen werden von allen islamischen Rechtsschulen vorbehaltlos akzeptiert.

Aber die Gemeinsamkeiten und der Konsens der islamischen Rechtsschulen ist nicht darauf begrenzt, sondern ungeachtet ihrer pluralistischen Struktur weisen sie auch hinsichtlich des Gebetes und der islamischen Zeremonien viele Gemeinsamkeiten auf.

Das rituelle Gebet, das Fasten, die Pilgerfahrt und die Almosenspende gelten als die wesentlichen Gottesdienste der Muslime, und sie werden von allen islamischen Rechtsschulen gleichermaßen akzeptiert.

Darüber hinaus ist ihnen der Ort der Anbetung, namely die Moschee, gemeinsam. Es gibt kaum Unterschiede zwischen schiitischen und sunnitischen Moscheen. Im Grunde ist die Unterteilung in sunnitische und schiitische Moscheen falsch und widerspricht dem Sinn von Qur'an und Sunna.

Die Interpretation der heiligen Quellen im Islam

Die Interpretation der heiligen Quellen ist das wichtigste Thema, mit dem die Anhänger der Religionen nach dem Ableben der Gründer der Religionen konfrontiert sind. Der Fortbestand und die Existenz einer jeden Religion hängen von der Interpretierbarkeit ihrer heiligen Quellen ab.

In der Regel gibt es unter den Anhängern aller Religionen immer einige, die sich gegen jede Art der Interpretation der heiligen Quellen verwehren und daran glauben, dass man nur das Äußerliche der Religion praktizieren soll und keinerlei Interpretation und Exegese bedarf.

Sicherlich ist eine solche Meinung theoretisch und praktisch unmöglich, denn sie impliziert, dass ein historischer Ausschnitt der Vergangenheit der Geschichte und der Menschheit insgesamt aufgezwungen werden soll.

Auch unter den Muslimen gab und gibt es einige, deren Glaubensauffassung keine Veränderungen in der religiösen Begrifflichkeit zulässt. Aber die Mehrheit der Muslime und die verschiedenen Rechtsschulen sind davon überzeugt, dass die heiligen islamischen Quellen, d. h. der Heilige Qur'an und die Sunna, interpretierbar sind.

Vernunftbetonte Interpretation der islamischen Quellen

Der wesentliche Aspekt im Hinblick auf die Interpretation der heiligen islamischen Quellen ist die Beachtung und Betonung des Prinzips „Vernunft" beim Verstehen und Interpretieren der Quellen. Die heiligen Quellen, vor allem der Qur'an, sprechen zum Menschen, und es versteht sich von selbst, dass dabei die menschliche Vernunft angesprochen wird.

Deshalb beruht jedes Verstehen der Offenbarung auf der Vernunft und der Kenntnis der Vernunft. Aus diesem Grund stellt die Vernunft bei der schiitischen Methode der Interpretation den Hauptmaßstab dar.

„Jede Art von Interpretation des Heiligen Qur'an und der Sunna, die dem Urteil der Vernunft widerspricht und von der Vernunft nicht akzeptiert wird, ist falsch und abzulehnen."

Grundsätzlich liegt eine Möglichkeit, die Richtigkeit der Überlieferungen vom Propheten und den anderen religiösen Vorbildern festzustellen, darin, sie auf ihre Vereinbarkeit mit dem endgültigen Urteil der menschlichen Vernunft zu überprüfen.

Das Prinzip der umfassenden Sichtweise bei der Interpretation der islamischen Quellen

Ein wichtiger Grundsatz bei der methodischen Interpretation des Heiligen Qur'an ist nach schiitischer Meinung die umfassende Sicht auf Qur'an und Sunna, d. h. Qur'an und Sunna sollen grundsätzlich als eine Gesamtheit berücksichtigt werden.

Das Prinzip der umfassenden Sichtweise hilft uns zu verstehen, dass der Qur'an dem Propheten des Islam zwar im Laufe von 23 Jahren offenbart wurde, dass aber die Gesamtheit des Qur'an eine Vielzahl von Versen sind, die in einem engen Zusammenhang miteinander stehen.

Das ist vergleichbar mit einem Redner, dessen Vortrag man bis zum Ende hören sollte, und aus dessen Rede man nicht einen Teil herausnehmen und seine Argumentation darauf aufbauen sollte.

Deshalb darf man nicht über den Vortrag urteilen, bevor er beendet wurde. Gleichermaßen darf man im Hinblick auf den Qur'an nicht nur einen Teil der Verse berücksichtigen, ohne die anderen Teile in die Argumentation einzubeziehen.

Gemäß dieser Sichtweise bedarf man für die Interpretation der Qur'anverse vor jeder anderen Quelle zunächst des Qur'ans selbst; es gilt, die Gesamtheit der qur'anischen Verse zu berücksichtigen, damit man die unterschiedlichen Verse, die miteinander verbunden sind, klarer interpretieren und deutlicher verstehen kann.

Das Prinzip der Bedeutung bei der Interpretation der islamischen Quellen

Ein weiteres methodisches Prinzip für die Interpretation der heiligen Quellen (Schrift und Sunna) ist das Prinzip der Bedeutung im Unterschied zum äußerlichen Wortlaut. Beim Verstehen und der Interpretation des Buches und der Sunna darf man nicht nur auf das Wörtliche achten, sondern man muss die tiefe Bedeutung erkennen, die der Maßstab und die Grundlage für die Tat ist.

Beispiel:

Wenn ein Vater seinem Sohn empfiehlt, nicht zu fliegen, sondern mit der Bahn zu reisen, weil eine Fluggesellschaft unsicher ist, bedeutet das nicht, dass der Vater bei jeder Gelegenheit eine solche Empfehlung hat. Die wahre Bedeutung ist: „Fliege nicht mit unsicheren Fluggesellschaften." Wenn der Sohn sicher fliegt, entspricht er der Empfehlung.

Vieles von dem, was in den Versen des Qur'an und der Sunna des Propheten zum Ausdruck kommt, ähnelt diesem Beispiel. Wenn die tiefe Bedeutung nicht gesucht und nicht beachtet wird, dann resultiert daraus geistige Stagnation.

Es verhindert darüber hinaus, dass wir die grundlegende Absicht Gottes und Seines Propheten verstehen; die Religion und die Scharia erscheinen in einem solchen Fall inakzeptabel, denn es entsteht der Eindruck, als wolle die Religion die Menschen von heute jenen von vor 1400 Jahren angleichen.

Ijtihad – Ein System für die Interpretation der heiligen islamischen Quellen

Was bisher über die Methodologie des Verstehens und der Interpretation der islamischen Quellen gesagt wurde, wird insgesamt als Methode des Igtihad bezeichnet. Die islamischen Quellen dürfen nur diejenigen interpretieren, die sämtliche Voraussetzungen des Igtihad erfüllen.

„Andernfalls kann man nicht sicher sein, dass die gegebene Interpretation eine Interpretation im Sinne von Gott und Seinem Propheten (s.a.s.) ist."

Deshalb ist eine Interpretation unzulässig, wenn der Interpret die zuvor genannte Voraussetzung nicht erfüllt.

Ijtihad: ein historischer oder andauernder Prozess?

Das Prinzip, dass die Interpretation der islamischen Quellen durch Anwendung der Methode des Igtihad stattfinden soll, ist grundlegender Natur, und abgesehen von einigen unwichtigen Meinungsunterschieden, wird dies von der Mehrheit der Muslime akzeptiert.

Es gibt jedoch einige islamische Rechtsschulen, die den Igtihad allein auf die ursprünglichen Adressaten des Buches und der Sunna beschränken, d. h. diejenigen, die den Propheten des Islam (s.a.s.) direkt erlebt und seine Worte gehört haben.

Diejenigen jedoch, die nach ihnen lebten und leben werden, haben keine Legitimation zum Igtihad. Das heißt, die Vertreter dieser Ansicht lehnen eine Fortsetzung des Igtihad ab.

Ist das ursprüngliche Verstehen der Muslime heilig?

Die Schia glaubt gemäß den Lehren der Imame (a.s.), die der Familie des Propheten (s.a.s.) entstammen, dass die Muslime, die zu Lebzeiten des Propheten gelebt haben, möglicherweise ein besseres Verständnis vom Qur'an hatten.

Das bedeutet jedoch nicht, dass ihr Verständnis „heilig" und „unveränderlich" ist, und dass alle Muslime im Laufe der Geschichte das praktizieren sollen, was dem Qur'anverständnis jener ersten Muslime entspricht, ohne die Richtigkeit zu überprüfen.

In Wahrheit werden wir Muslime, die wir nun 1500 Jahre nach dem Erscheinen des Islam leben, ebenso wie die Muslime der damaligen Zeit, direkt vom Qur'an angesprochen. Wir müssen darum bemüht sein, Qur'an und Sunna mittels Anwendung der Methode des Igtihad zu interpretieren.

Genaue Untersuchungen machen deutlich, dass die Interpretationen der ersten Muslime von der damaligen Kultur, den Stammestraditionen und den geografischen Bedingungen beeinflusst waren.

Zeitlichkeit des Igtihad – Die Rolle der zeitlichen und örtlichen Veränderungen

Für die Methode des Igtihad ist die Berücksichtigung der Maßstäbe und der notwendigen Prämissen für die Interpretation der islamischen Quellen bedeutsam. Diese Maßstäbe und Prämissen sind bekannt, und folglich kann es zu jeder Zeit muslimische Gelehrte geben, die unter Berücksichtigung der Bedingungen von Ort und Zeit die islamischen Quellen interpretieren können.

„Tatsächlich können die historischen, geografischen, tribalistischen, ethnischen, kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen manche islamischen Gebote und die Interpretation der religiösen Quellen beeinflussen."

Der Igtihad verleiht uns die Möglichkeit, mit ausschließlich grundlegenden islamischen Maßstäben und Zielen die islamischen Quellen den veränderten neuen kulturellen, gesellschaftlichen und geografischen Bedingungen einer jeden Epoche gemäß zu interpretieren.

Zusammengefasst bedeutet das, dass uns die Möglichkeit der Reinigung der islamischen Gebote und religiösen Interpretationen von den kulturellen und gesellschaftlichen Einflüssen der Anfangszeit des Islam gegeben wird.

Die Institution der religiösen Autorität

Der Glaube an die Kontinuität des Igtihad ist die Voraussetzung für jede neue Interpretation des Islam gemäß den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der neuen Welt. Dies bewirkte die Bildung der gesellschaftlichen Institution der religiösen Autorität bei den Schiiten.

Es wurde festgestellt, dass der Igtihad ein dynamisches und kontinuierliches System ist, und es deshalb zu jeder Zeit die Möglichkeit gibt, dass einige religiöse Gelehrte diesen Rang erreichen.

Die Muslime können auf gänzlich demokratische Weise aus den Gelehrten, die die religiöse und wissenschaftliche Befähigung zur Interpretation der islamischen Quellen haben und Rechtsgutachten erstellen können, einen von ihnen zur religiösen Autorität wählen.

Die Institution der religiösen Autorität gründet auf zwei Säulen:

  1. Die Voraussetzungen und besonderen Fähigkeiten der Person des Mujtahids
  2. Der Einfluss auf die Muslime, die einen von diesen Gelehrten akzeptiert haben

Die Muslime erkennen in diesen Gelehrten und religiösen Autoritäten in der Regel eine zivile Macht gegenüber der offiziellen staatlichen Macht, und weil diese Gelehrten von der offiziellen Macht unabhängig sind, konnten sie in speziellen historischen Zeitabschnitten die staatliche Macht beeinflussen und deren Vorgehensweisen ändern.

Wichtige Anmerkung

Abschließend soll angemerkt werden, dass überall da, wo von den Unterschieden zwischen den islamischen Rechtsschulen die Rede ist, dies niemals in dem Sinne geschieht, dass man die Besonderheiten aufzeigen kann, mit denen man die ganzen Unterschiede zwischen den Rechtsschulen exakt und einzeln deutlich machen und eine Begrenzung und völlige Trennung zwischen ihnen erreichen kann.

Wenn von Unterschieden zwischen den Rechtsschulen die Rede ist und gefordert wird, dass die Unterschiede und Verschiedenheiten zum Ausdruck gebracht werden, können diese Forderungen nicht der Mehrheit der Anhänger der jeweiligen Rechtsschule und der Mehrheit ihrer Gelehrten zugeschrieben werden.

In jeder einzelnen Rechtsschule werden viele Gelehrte, Rechtsgelehrte und Exegeten gefunden, deren konfessionellen Meinungen und Ansichten den Auffassungen und Ansichten ähneln, die in den anderen Rechtsschulen diskutiert werden.

So gibt es z. B. unter den Sunniten die gängige Meinung, wonach schiitische Gelehrte anerkannt sind. Auch viele Gelehrte und Theologen der verschiedenen islamischen Rechtsschulen, die intellektuell und aufgeklärt dem islamischen Recht (Scharia) und der Exegese der Qur'anverse die Achse der Vernunft zu Grunde legen, haben die schiitische Igtihadtheorie akzeptiert.

„Vor vielen Jahren hat der Scheich der Al Azhar als höchster Religionsgelehrter der Sunniten ein eindeutiges Rechtsgutachten erlassen, wonach die Anhänger aller Rechtsschulen die schiitischen Rechtsgelehrten an die Stelle ihrer eigenen Rechtsgelehrten setzen und nach deren Grundsätzen handeln können."

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