21. März 2020 – Islamische Wissenschaften

Die Verbindung des Menschen zu Gott

Building islam

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.

Gott ist dem Menschen nahe, und diese Nähe ist unvorstellbar. Wenn in dieser Beziehung überhaupt eine Entfernung existiert, dann hängt dies mit der Vernachlässigung dieser Annäherung und dem Unverständnis seitens des Menschen zusammen. Eine der wichtigsten religiösen Lehren ist, dass es ebenso viele Wege zu Gott gibt, wie es Menschen gibt. Gott begleitet den Menschen immer, und Er ist ihm niemals fern. Deshalb ist die Verbindung zu Ihm sehr leicht und bedarf weder bestimmter Voraussetzungen noch einer Vermittlung.

Die einzige Voraussetzung für die Verbindung des Menschen zu Gott ist das Wollen des Menschen, denn von göttlicher Seite her existiert diese Verbindung immer. Es ist der Mensch, der die Verbindung zu Gott aufnehmen soll. Diese Verbindung des Menschen mit Gott bedeutet, dass er begreift, dass Gott ihm nahe und mit ihm verbunden ist. Folglich kann der Mensch in jedem Moment und an jedem Ort, wann und wo er will, diese Verbindung herstellen.

Heilige Zeiten und Orte

Aus islamischer Sicht ist diese Verbindung nicht von einer bestimmten Zeit oder einem bestimmten Ort abhängig. Die heiligen Zeiten und Orte bieten lediglich besondere Gelegenheiten für eine leichtere Verbindung mit Gott, aber niemals ist diese Verbindung nur auf diese Zeiten und Orte beschränkt oder davon abhängig.

Im Islam sind manche Tage und Monate im Laufe des Jahres heiliger und wichtiger als andere Tage und Monate, wie beispielsweise die Nacht zum Freitag, der Freitag selbst, der gesegnete Monat Ramadan oder die Nächte der Bestimmung (Laylatu-l-Qadr) im Laufe des Jahres. Es gibt auch heilige Orte, wie z. B. die Kaʿba im Hedschas oder die Moscheen an sich, gleich an welchem Ort sie sich befinden. Die Besonderheit dieser Zeiten und Orte liegt in ihren bestimmten Eigenschaften und der Tatsache, dass ihnen im Hinblick auf die Verbindung mit Gott eine besondere Stellung zukommt; an solchen Orten ist die Verbindung zu Gott leichter, wenngleich die Gründe, warum diese Orte und Zeiten eine besondere Rolle spielen, wissenschaftlich nicht eindeutig erklärt werden können.

Das sind Geheimnisse, die in der göttlichen Offenbarung gründen, über die die Religionen gesprochen haben und die der Mensch wie viele andere religiöse Lehren nicht entdeckt hätte, wenn die Religion nicht darüber gesprochen und die Offenbarung diese Vorhänge nicht beseitigt hätte. Deshalb sind die mit bestimmten Zeiten und Orten verbundene Energie und die versteckten Besonderheiten ein beobachtbares Prinzip. Diesen Punkt möchte ich jedoch im Hinblick auf unser Thema nicht weiter ausführen, sondern festhalten, dass für uns in diesem Zusammenhang wichtig ist, dass die Verbindung mit Gott nicht von diesen Orten und Zeiten abhängig ist.

„Man kann sich überall auf der Erde vor Gott niederwerfen und mit Ihm Verbindung aufnehmen. Die ganze Erde ist für mich eine Moschee."

— Der Prophet des Islam (k)

Aus islamischer Sicht ist die Herstellung der Verbindung mit Gott nicht auf eine besondere Schicht, wie z. B. die Rechtsgelehrten, und nicht auf einen besonderen Tag wie z. B. den Freitag beschränkt. Gott zu erreichen ist nur für diejenigen schwer, die Ihn vergessen haben. Für jemanden hingegen, der die Schleier der Vergessenheit beseitigt und beabsichtigt, mit Gott Verbindung aufzunehmen und mit Ihm zu sprechen, wird Ihn bei sich finden.

„Wenn dich Meine Diener über Mich befragen, so bin Ich nahe; Ich höre den Ruf des Rufenden, wenn er Mich ruft."

Sure al-Baqara, Vers 186

Der wichtige Punkt bei diesem Vers ist, dass obwohl Gott am Anfang den Propheten anspricht mit den Worten „wenn dich Meine Diener über Mich befragen", Er diesen Dienern dann selbst antwortet und ihnen sagt: „Ich bin nahe". Aus diesem Vers geht hervor, dass die Menschen, auch wenn sie den Propheten über Gott befragen, Er selbst sie Seiner Nähe und Begleitung versichert und dass Er sogar denjenigen, die Ihn vergessen haben, das Gefühl gibt, dass Er ihnen nahe ist, d. h. Gott hat diese Frage direkt und ohne Vermittlung beantwortet.

Er schickt Seine Botschaft nicht durch den Propheten, sondern sagt ganz direkt: „Ich bin euch nahe". Man hat das Gefühl, als wolle Gott den Fragenden sagen: „Warum kommt ihr nicht direkt zu Mir? Ich bin euch doch nahe, und wenn ihr Mich ruft, bin Ich bei euch." Dies verleiht der Bedeutung, Wichtigkeit und Stellung des Bittgebetes (Duʿāʾ) im Prozess der Verbindung mit Gott Wert.

Das Bittgebet

Die besondere Bedeutsamkeit, die der Islam dem Duʿāʾ beimisst, resultiert aus dessen Funktion bei der Herstellung dieser Mensch-Gott-Verbindung.

Innere Ruhe

Das Duʿāʾ eröffnet uns die Möglichkeit und vermittelt uns das Gefühl, dass wir von Gott verstanden und wahrgenommen werden.

„Wer Gott direkt anspricht, hat einen sehr viel kürzeren Weg."

— Imām as-Sādiq

Die Kraft des Bittgebetes

Die Bittgebete der Menschen sind vom Inhalt und Thema her sehr unterschiedlich, aber unabhängig davon, welchen Inhalt und welches Thema ein Bittgebet hat und was man von Gott erbittet, ist all diesen Gebeten die dadurch hergestellte Verbindung zu Gott gemeinsam. Ein Mensch, der ein Bittgebet spricht, spürt die Nähe Gottes und nimmt wahr, dass Gott ihn begleitet und er die Möglichkeit hat, mit Ihm zu reden und Ihm seine Bedürftigkeit kundzutun.

Auch wenn die in einem Duʿāʾ geäußerten Bitten und Wünsche eines Menschen gemäß den Gesetzmäßigkeiten und Weisheiten der Schöpfung nicht in Erfüllung gehen, so gewinnt diese Person dennoch eine gewisse innere Ruhe. In diesem Sinne ist letztlich jedes Bittgebet von Nutzen, weil der Mensch dadurch mit Gott spricht, und dass er seine Aufmerksamkeit auf Gott richtet, impliziert eine Rückkehr zu seiner eigenen wahren Identität und Persönlichkeit.

Die göttliche Identität des Menschen

Ein Mensch, der seine Identität vergessen hat, ist ein nervöser und unsicherer Mensch, und diese Unsicherheit ist tief in seiner Psyche verwurzelt.

Ein solches Leiden manifestiert sich z. B. bei jemandem, der zwar unter den besten Umständen und im Wohlstand lebt, aber darunter leidet, fern von seiner Heimat, seiner Familie und seinen Freunden zu sein. Ein Mensch, der Gott vergessen hat, ist einem solchen versteckten und geheimen Leiden ausgesetzt. Dieses Leiden begleitet ihn ständig und zeigt sich in bestimmten Situationen und Orten seines Lebens.

Das Denken an Gott zügelt dieses Leiden und verleiht Geist und Seele des Menschen eine besondere Ruhe, die im Qurʾan als außergewöhnliche innere Ruhe bezeichnet wird.

(vgl. Sure ar-Raʿd, Vers 28 und Sure al-Fath, Vers 4)

Die Bedingung des menschlichen Willens

Abschließend muss noch ein wichtiger Punkt erwähnt werden: Obwohl die Verbindung mit Gott sehr leicht herzustellen ist, nicht begrenzt ist und keines Vermittlers bedarf, muss eine Bedingung erfüllt werden, die betont wird und von großer Bedeutung ist. Wie bereits hervorgehoben wurde, ist eine unerlässliche Bedingung für die Verbindung mit Gott der Wille des Menschen. Das bedeutet, der Mensch muss wollen, dass diese Verbindung zustande kommt, denn andererseits ist die Verbindung von Gott zum Menschen ewig und unzerstörbar.

Diese Bedingung ist deshalb unerlässlich, weil der Mensch aufgrund seiner vielen Sünden und schlechten Absichten einen geistigen und seelischen Zustand erlangt hat, in dem er die Notwendigkeit dieser Bindung an Gott und des Redens mit Gott nicht mehr spürt. Mit anderen Worten: Ein solcher Mensch hat sein göttliches Gefühl verloren, und die durch Sünden geschaffenen Hindernisse und Schleier verhindern, dass er seine göttliche Identität wiederfinden kann.

Dies kann so sehr in Vergessenheit geraten, dass der Mensch eine zweite Persönlichkeit annimmt, die seiner göttlichen Persönlichkeit gänzlich widerspricht, d. h. er hat eine niedrigere Persönlichkeit angenommen, die seine ursprünglich reine und göttliche Persönlichkeit in eine sündige und teuflische Identität verwandelt hat. Für einen solchen Menschen, der in die größte Schwäche und tiefste Stufe versinkt, ist die Sünde keine Nebensache mehr, sondern ein Teil seiner Persönlichkeit geworden, was die Beseitigung der Sünde sehr schwer, wenn nicht nahezu unmöglich macht.

Der Weg der Reue

Deshalb beschreibt der Qurʾan den Weg zur Reue und Rückkehr zu Gott für alle Menschen in jeder Zeit und jedem Zustand als offen, denn die Nähe Gottes zum Menschen ist dauerhaft und unzerbrechlich. Ein Mensch jedoch, dessen menschliche Persönlichkeit verunstaltet wurde und der nur noch die Bezeichnung „Mensch" trägt, hat die Kraft zur Reue nicht mehr.

Wie der Qurʾan sagt, haben Sünde und Schlechtigkeit alle Teile seiner Persönlichkeit so sehr erobert, dass sie nicht sündig, sondern selbst Sünde ist. In einem solchen Zustand wird der Mensch, auch wenn der Weg der Reue und Rückkehr zu Gott offen ist, diesen Weg niemals einschlagen, und folglich bleibt er der Gnade Gottes fern (vgl. Sure al-Baqara, Vers 81).

Wir wissen, dass die Anzahl dieser Menschen sehr gering ist und der Mensch nur in besonderen Situationen in diese niedrige Stufe verfällt. Dennoch muss er wissen und beachten, dass diese Stufe allmählich, Schritt für Schritt erreicht wird und jede unserer Verhaltensweisen entscheidend ist.

Reflexion über die Gegenwart

Wie ist es vorstellbar, dass ein Mensch, der seinen menschlichen Geist verliert und auf eine animalische Stufe zurückfällt, wie ein Tier ohne Gefühl und Mitleid einen Menschen, der schutzlos ist und bereits zwischen Leben und Tod schwebt, an einem heiligen Ort namens Moschee mit einer Kugel erschießt, wie es dieser Tage in Falludscha geschehen ist? Ein Ereignis, das Erinnerungen an das Gefängnis Abu Ghraib wachruft und ein Zeichen des geistigen und moralischen Niedergangs des Menschen darstellt.

Wie kann man ein solches Verhalten rechtfertigen, das von primitivsten moralischen Prinzipien und menschlichen Gefühlen geprägt ist? Dieses animalische Verbrechen ist nicht die Tat eines einfachen Soldaten. Wie ist es möglich, dass in kurzer Zeit derartige unmenschliche Szenen von jenen verübt werden, die behaupten, die Welt retten und Demokratie sowie Menschenrechte verbreiten zu wollen, und die zugleich von höherer Stelle aus europäische Länder mahnen?

Wie kommt es, dass die verbrecherische Tat eines Menschen, der sich ungerechtfertigt Muslim nennt, verallgemeinert und allen Muslimen angelastet wird, während das Verhalten dieser Kräfte, die unter direktem Befehl ihrer Führer stehen, nicht verallgemeinert wird?

Und der Friede sei mit euch und die Gnade Gottes und Seine Segnungen.