Stellungnahme Gesellschaft

Offene Türen für die Moschee – in einer geeinten Gesellschaft

Zum Tag der Deutschen Einheit und dem Tag der offenen Moscheen: Eine Reflexion über die seit über zwei Jahren geschlossene Imam-Ali-Moschee in Hamburg und unsere Bereitschaft zu einer rechtmäßigen und dauerhaften Lösung.

3. Oktober 2026
12 Min. Lesezeit
Hamburg, Deutschland
Arched entrance of Adhai Din Ka Jhonpra mosque in Ajmer

Ein offenes Tor zur Moschee – Symbol für Begegnung, Gebet und gesellschaftliche Offenheit.

Ayatollah Seyed Abbas Hosseini Ghaemmaghami

Verfasst von:

Ayatollah Seyed Abbas Hosseini Ghaemmaghami

Vorsitzender des Instituts für rational-islamische Rechtsfindung und Friedenstheologie (IFRIR)

Der 3. Oktober ist in Deutschland ein Tag von besonderer Bedeutung: der „Tag der Deutschen Einheit" und zugleich der „Tag der offenen Moscheen".

Am „Tag der Deutschen Einheit" wird die Einheit der Menschen in diesem Land im Rahmen von Freiheit, Recht, gegenseitigem Respekt und gemeinsamer Verantwortung gewürdigt. An diesem Tag bieten die auch sonst offenen Moscheen in ganz Deutschland den Menschen die besondere Gelegenheit, das religiöse Leben der Musliminnen und Muslime sowie die Rolle der Moscheen in der deutschen Gesellschaft besser kennenlernen zu können.

In diesem Jahr steht neben diesen beiden Bildern jedoch eine Realität, die Anlass zum Nachdenken gibt: An einem Tag, an dem Moscheen ihre Türen für die Gesellschaft öffnen, sind die Türen der Imam-Ali-Moschee in Hamburg seit mehr als zwei Jahren geschlossen.

„Und wahrlich, die Moscheen gehören Gott."
— Sure 72, Vers 18

Diese Gleichzeitigkeit bietet Anlass, über die Zukunft eines Ortes zu sprechen, der vor Jahrzehnten zum Gebet und zur religiösen Andacht entstanden und diesem Zweck gewidmet worden ist – eines Ortes, den Gläubige, Betende und interessierte Menschen seit langer Zeit nicht mehr betreten und nutzen können. Die Fortdauer dieses Zustands bereitet vielen Musliminnen und Muslimen, insbesondere den Schiiten, große Sorge. Eine Moschee ist für Gläubige nicht lediglich ein Gebäude; sie ist ein Ort des Gebets, der Andacht, des Friedens, der inneren Ruhe und der Verbindung des Menschen mit Gott.

Wir sind uns vollkommen bewusst, dass die Tätigkeit jeder religiösen Einrichtung in der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der geltenden Gesetze, der Grundsätze des Grundgesetzes sowie der rechtmäßigen Anforderungen an Sicherheit und öffentliche Ordnung erfolgen muss. Daher geht es uns nicht um eine Öffnung außerhalb des Rechts, sondern um eine Öffnung im Einklang mit dem geltenden Recht, unter uneingeschränkter Achtung des Grundgesetzes und unter Berücksichtigung aller rechtmäßigen gesetzlichen und sicherheitsbezogenen Anforderungen.

Aus unserer Sicht stehen die religiöse Identität einer Moschee und die uneingeschränkte Achtung des Grundgesetzes nicht im Widerspruch zueinander, sondern können und sollen miteinander verbunden werden. Die Imam-Ali-Moschee wurde ursprünglich als Ort der Anbetung Gottes, des Gebets, des Gedenkens und der religiösen Praxis geschaffen. Sie sollte ein Ort des Friedens, der Ruhe, des Gebets und der Andacht bleiben – ein Ort, dessen Türen allen Gläubigen und interessierten Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Nationalität oder persönlichen Ausrichtung offenstehen.

Die Geschichte und Identität der Imam-Ali-Moschee

Auch die Geschichte der Imam-Ali-Moschee ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Ihre Entstehung reicht bis in die 1950er-Jahre zurück und erfolgte viele Jahre vor der Gründung des Islamischen Zentrums Hamburg unter Mitwirkung und mit Unterstützung von Muslimen, insbesondere von Menschen schiitisch-iranischer Herkunft, die einen Ort für das Gebet und die religiöse Gemeinschaft schaffen wollten. Daher können die Geschichte und Identität der Moschee nicht allein anhand politischer Entwicklungen oder der Tätigkeit einer bestimmten Institution in späteren Perioden definiert werden.

Die Moschee hatte von Beginn an eine schiitische religiöse Prägung. Ihre Verbindung zur wissenschaftlichen und religiösen Tradition des schiitischen Islam sowie die religiöse Aufsicht durch eine hochrangige schiitische Autorität gehörten zu ihrer religiösen Geschichte. Eine solche religiöse Verbindung darf, sofern sie innerhalb der deutschen Rechtsordnung und ohne politische oder staatliche Abhängigkeit besteht, nicht mit politischer oder staatlicher Abhängigkeit gleichgesetzt werden. Religiöse Eigenständigkeit und uneingeschränkte Gesetzestreue können und müssen zugleich gewährleistet sein.

Der Waqf-Charakter der Moschee

Auch der Waqf-Charakter der Moschee ist aus dieser Perspektive von Bedeutung. In der islamischen Tradition ist eine Moschee nicht lediglich ein Gebäude oder privates Eigentum, sondern ein Ort, der der Anbetung Gottes und religiösen Zwecken gewidmet ist. Der Koran sagt:

Aus dieser Perspektive sollten die ursprüngliche Zielsetzung und die für einen solchen Ort von Anfang an bestimmten religiösen Zwecke bei jeder zukünftigen Lösung berücksichtigt werden. Die Wahrung der religiösen Identität und der Waqf-Zielsetzung bedeutet dabei selbstverständlich nicht, die Gesetze des Landes, in dem sich die Moschee befindet, außer Acht zu lassen.

Für uns ist dies keineswegs nur eine theoretische Frage. Unsere praktische Erfahrung der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass sich religiöse Identität und Eigenständigkeit einer Moschee, ihre Unabhängigkeit von politischer Nutzung, die uneingeschränkte Verpflichtung auf das Grundgesetz und die aktive und konstruktive Teilhabe der Musliminnen und Muslime an der deutschen Gesellschaft miteinander verbinden lassen.

In der Zeit, in der die Verantwortung für die Imam-Ali-Moschee beim heutigen Vorsitzenden von IFRIR und seinen Mitstreitern lag, gingen sämtliche Bemühungen und Aktivitäten in diese Richtung, nämlich die Moschee als einen tatsächlichen Ort des Gebets zu erhalten, sie vor politischer Nutzung zu schützen und ihre Türen für alle Menschen und alle Diener Gottes offen zu halten. Gleichzeitig lag unser Schwerpunkt darauf, ein rationales, gemäßigtes und friedensorientiertes Verständnis des Islam zu vermitteln und die Musliminnen und Muslime als verantwortungsbewusste, aktive und der deutschen Gesellschaft sowie ihrer Verfassungsordnung verpflichtete Mitglieder dieser Gesellschaft sichtbar zu machen.

Unser Ziel war und ist es zudem, die theologischen und rechtlichen Grundlagen für die Integration und Beheimatung des Islam in Deutschland zu verdeutlichen und an der Entwicklung eines deutsch-europäischen Modells islamischen Lebens mitzuwirken. Ein Modell, in dem religiöse Identität, Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft und die Treue zum Grundgesetz miteinander verbunden sind und in dem eine selbständige Rechtsfindung möglich ist, die die religiöse Tradition ernst nimmt und zugleich die deutsche Rechtsordnung uneingeschränkt achtet.

Vor diesem Hintergrund sind wir der Überzeugung, dass die Entwicklung einer eigenständigen, verantwortungsvollen, rationalen und in der deutschen Gesellschaft verwurzelten islamisch-schiitischen Struktur nicht nur einen positiven Beitrag zur Lösung der Frage der Imam-Ali-Moschee leisten kann, sondern auch ein neues Modell für eine konstruktive und gesellschaftlich integrierte Präsenz des Islam und der Musliminnen und Muslime in Deutschland darstellen könnte.

Ein solches Modell würde die religiöse Identität und die religiöse Autorität bewahren, politische Aktivitäten und staatliche Abhängigkeiten von der Tätigkeit der Moschee trennen und zugleich die uneingeschränkte Verpflichtung auf das Grundgesetz und die deutsche Gesellschaft gewährleisten.

Religiöse Identität

Wahrung der religiösen Identität und der Waqf-Zielsetzung der Moschee.

Rechtsstaatlichkeit

Uneingeschränkte Achtung des Grundgesetzes und der deutschen Gesetze.

Gesellschaftliche Teilhabe

Verantwortungsvolle und konstruktive Rolle der Muslime in der deutschen Gesellschaft.

Vor diesem Hintergrund kann die Fortdauer der Schließung der Moschee über einen so langen Zeitraum, ohne dass eine klare, rechtmäßige und dauerhafte Lösung gefunden wird, weder für die muslimische Gemeinschaft noch für die deutsche Gesellschaft ein wünschenswerter Zustand sein. Wir hoffen daher, dass alle Beteiligten unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Religionsfreiheit, der Rechtsstaatlichkeit, der legitimen Sicherheitsanforderungen, der historischen und religiösen Identität der Moschee sowie der Bedürfnisse der muslimischen Gemeinschaft gemeinsam nach einer Lösung suchen, die Vertrauen schafft und von allen Beteiligten respektiert werden kann.

IFRIR erklärt seine Bereitschaft

IFRIR erklärt in diesem Zusammenhang seine Bereitschaft zu einer ernsthaften und verantwortungsvollen Mitwirkung.

Sofern die rechtlichen Voraussetzungen gegeben sind und dies in Abstimmung und im Einvernehmen mit den zuständigen Stellen erfolgt, sind wir bereit, Verantwortung für die Mitwirkung an der Wiedereröffnung und den Betrieb der Imam-Ali-Moschee zu übernehmen und unsere wissenschaftlichen, religiösen und organisatorischen Möglichkeiten dafür einzusetzen, ihre rechtmäßige und dauerhafte Wiedereröffnung und Tätigkeit zu ermöglichen.

Diese Bereitschaft beruht auf praktischer Erfahrung. Dabei wurde stets die religiöse Identität und Eigenständigkeit der Moschee, die uneingeschränkte Achtung des Grundgesetzes und der deutschen Gesetze sowie eine verantwortungsvolle und konstruktive Rolle der Musliminnen und Muslime in der deutschen Gesellschaft miteinander verbunden.

IFRIR ist bereit, mit jeder Institution oder Organisation in einen offenen und konstruktiven Dialog und eine entsprechende Zusammenarbeit einzutreten, die sich im Rahmen der deutschen Rechtsordnung für eine geeignete Lösung zur Wiedereröffnung der Moschee und zur Wahrung ihrer religiösen Identität und ihrer ursprünglichen Zielsetzungen einsetzt.

Der 3. Oktober ist ein Tag, an dem Deutschland von zwei wichtigen Begriffen spricht: Einheit und offene Türen: Offene Türen für die Moschee – in einer geeinten Gesellschaft.

Unsere Hoffnung ist, dass dieser Tag Anlass dafür sein kann, neben der Würdigung jener Moscheen, deren Türen der Gesellschaft offenstehen, auch einen Weg zu finden, die Türen der Imam-Ali-Moschee wieder zu öffnen; einen Weg, auf dem Religionsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit miteinander verbunden sind und dadurch Gebet, friedliches Zusammenleben und eine verantwortungsvolle Teilhabe auch für jene Musliminnen und Muslime an der deutschen Gesellschaft ermöglicht werden, die ihre religiöse Heimat in der Hamburger Imam-Ali-Moschee sehen.

Hunderte Seiten historischer Dokumente und Unterlagen, die aus der Gründungszeit vor etwa siebzig Jahren erhalten geblieben sind, belegen, dass auch das Ziel und das Wirken der ersten Gründer der Moschee genau darin bestanden.

Unser Ziel ist nicht die Rückkehr in die Vergangenheit; unser Ziel ist es, einen Weg in die Zukunft zu öffnen.

Eine Zukunft, in der die Imam-Ali-Moschee wieder als offene Moschee für das Gebet, unabhängig von der Politik, dem Grundgesetz verpflichtet, der deutschen Gesellschaft verbunden und zugleich ihrer religiösen Identität und Bestimmung treu ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen kann.

Offene Türen für die Moschee – in einer geeinten Gesellschaft.

Wassalamualaikum wa rahmatullahi wa barakatuh

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